diverse people listening to speaker in modern studio
Lesedauer 6 Minuten

Zuhören wie - Momo -

Der Schlüssel zu unserem gegenseitigen Verständnis ist – Die Kommunikation – und das Bewusstsein für die Sprache an sich. Durch unser Sprachbewusstsein können wir im Umgang mit anderen Menschen wichtige Verbindungen herstellen. Wir können im sprachlichen Umgang, Gefühle und somit Emotionen produzieren und empfangen.

Warum richtiges Zuhören so wichtig ist

Aktives Zuhören gehört zu den wichtigsten Eigenschaften eines Menschen. Aktives Zuhören bedeutet, dass man dem Gegenüber wirklich verstehen möchte. Es geht darum, zuzuhören und darauf zu achten, was der Gesprächspartner zum Ausdruck bringen möchte.

Empathie, Aufmerksamkeit und Verständnis für andere Menschen zu zeigen, ist ein wichtiges Kriterium, um zu diesen durchzudringen. Aufmerksames Zuhören in Privatleben und Beruf hat außerdem Vorteile für sich selbst. Richtiges und aufmerksames Zuhören schafft Vertrauen zwischen den Menschen.

Vor vielen Jahren habe ich ganz zufällig die Geschichte der kleinen Momo entdeckt. Diese spiegelt bis heute herzlich die Notwendigkeit, wie wichtig richtiges Zuhören ist. Wer die Geschichte einmal liest oder hört wird diese nie wieder vergessen.

Die Geschichte der kleinen Momo

“Momo” Buch von Michael Ende 1973)
Was die kleine Momo konnte wie kein Anderer, das war Zuhören. Das ist doch nichts besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder.

Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich auf das Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den Anderen mit ihren großen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hätte, dass sie in ihm steckten.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder und unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder das Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann, wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irre, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Art und Weise für die Welt wichtig war.

Sehnsucht nach Zuhörern wie MOMO

Tief berührt und begeistert fühlte ich mich von der Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die das kleine Mädchen Momo ihren Zuhörern entgegenbrachte, als ich Michaels Endes Märchenroman das erste Mal las, sodass ich die Geschichte später meinen Kindern und meinen Patienten immer wieder vorlas.

Momo ist so präsent seinem Gegenüber, dass sie in seine Gefühls- und Gedankenwelt eintauchen und Einfluss nehmen kann. Momo drängt nicht, Momo gibt keine Ratschläge, Momo bewertet und urteilt nicht. Sie schweigt, wartet und zeigt mit ihrer ganzen Körpersprache ihre Bereitschaft, ganz für den anderen in diesem Moment da zu sein.

Sehnsucht nach einer Zuhörerin wie Momo sehe ich gleichermaßen oft in den Augen von Mitarbeitern und Unternehmern, wenn sie mir über ihre Probleme im Alltag, über das Nichtverstehen-Wollen der anderen oder über die Nicht-Anerkennung ihrer Leistungen berichten.

Unpassende Meinungen oder ungeduldige Statements

Hin und wieder hätten sie schon einmal versucht, sich auszusprechen oder eine noch unfertige Idee zur Diskussion zu stellen im Gespräch mit Kolleg*innen oder ihren Chef*innen. Es prasselten nicht selten Rat-Schläge, unpassende Meinungen oder ungeduldige Statements auf die/den Erzählende/n nieder, die sie/er dann abwehren, dementieren oder deren Unbrauchbarkeit erklären musste. Manchmal hatten die Entgegnungen gar nichts mit dem eben Gesagten zu tun oder die/der Zuhörer*in hatte urplötzlich aufgehört zuzuhören und die Gelegenheit einer Atempause zum aus Erzählersicht unerwünschten Rollentausch genutzt.

Einfluss von Lebensereignissen

Die Sehnsucht verwandelt sich nicht selten in Resignation, sobald wir auf Meetings, Teambesprechungen, Seminare und Workshops oder Präsentationen in Gremien des Managements zu sprechen kommen. Wer in diesen Runden gerade selbst nicht das Wort hat, ist in die Abarbeitung des eigenen Mail- aufkommen an seinem mitgebrachten Laptop vertieft, plant und strukturiert die anstehenden Tätigkeiten des nächsten Tages oder prüft die Argumentationskette für Vorschläge im Kopf noch einmal auf Stringenz und lauert mit den Ohren lediglich auf eine Sprechpause zum eigenen Einsatz.

Mal abgesehen davon, dass man sich solch frustrierende Gespräche und ineffektive Meetings, in denen keine/r keiner/m wirklich zuhört, besser sparen kann, ist es für mich ein faszinierendes Phänomen immer wieder mitzuerleben, wie wir uns alle auf der einen Seite nach der Anerkennung, Wertschätzung und dem tatsächlichen Interesse anderer an uns und an dem, was wir tun, sehnen und auf der anderen Seite selbst doch immer wieder in die Falle laufen, Wichtigeres zu tun zu haben, als Interesse und Wertschätzung an den Belangen oder Ausführungen anderer zu zeigen.
Wir enthalten selbst anderen vor, was wir uns so sehr von ihnen wünschen. Meist ist es uns gar nicht bewusst, es passiert uns einfach, auch wenn die/der Geprellte uns unter Umständen Böswilligkeit oder Selbstdarstellung unterstellt.

Lösungsorientiert kommunizieren

Erst neulich klingelte das Telefon mitten in einem genialen Gedankengang – mein Kollege rief mich an, ob ich denn die Dokumentation rechtzeitig fertig bekomme und wenn ja, ob ich noch das eine oder andere… Krampfhaft versuchte ich mich parallel an meinen genialen Gedankengang zu klammern, um ihn ja nicht wieder zu verlieren, höflich genug auf meinen Kollegen einzugehen, aber dennoch konsequent lösungsorientiert zu kommunizieren, dass ich so schnell wie möglich unser Gespräch beenden und mich wieder meinem genialen Gedankengang widmen kann.

Nach dem Auflegen fehlten mir je eine Hälfte des genialen Gedankengangs, sowie des Gesprächsinhaltes. Mein letztes „Das finde ich ja gut!“, hallte noch in meinen Ohren nach, obwohl ich gar nicht wusste, was ich da gut fand, weil ich schon mindestens zwei Minuten bei meinen eigenen Gedanken statt denen meines Kollegen war. Nun plagt mich das schlechte Gefühl, meinen Kollegen ungewollt vor den Kopf gestoßen zu haben. Dabei regt es mich selbst tierisch auf, wenn ich ihn begeistert von etwas erzähle und gleichzeitig hören muss, wie er gerade etwas auf seine Tastatur hämmert. Dann frage ich mich manchmal, ob sein „Das ist aber toll!“ nicht auch nur so daher gesagt ist.

Momo schenkt den Menschen, die zu ihr kommen, ihre Zeit, nimmt Anteil und zeigt ein echtes Interesse an deren Ausführungen. Auf diese Weise schafft sie eine offene und vorbehaltlose Gesprächsatmosphäre ohne Druck aufzubauen, in der ihr Gegenüber die Sicherheit spürt, sich zeigen zu können, wie sie/er ist und sagen zu dürfen, was sie/er denkt. Indem die Einzelnen einfach sprechen „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, erkennen sie ihre Probleme selbst, finden eigene Lösungen und sind motiviert, die dafür notwendigen Schritte zur Umsetzung einzuleiten.

Damit ist eine wichtige Voraussetzung für die eigene psychische Reifung und die Entwicklung einer größeren Selbstsicherheit und Unabhängigkeit gegeben. Momo hat das Zeug zur Führungskraft und wäre ein idealer Coach für ihre Mitarbeiter*innen.

Es wäre unmenschlich von sich und anderen zu verlangen, immer so gut wie Momo zuhören zu können. Für die Zukunft wünsche ich Dir und mir jedoch viele kleine und große Momente, in denen wir der Momo in uns und in anderen begegnen.

Eingangszitat aus: Ende, Michael (2005). Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman. Schulausgabe mit Materialien (S. 14-15). Erstausgabe 1973. Stuttgart, Wien: Thienemann. – Ein Buch, wieder aktueller denn je.

Michael Ende (1929-1995) wusste um die Magie eines Theaterortes – und ließ seine Heldin Momo in einem verfallenen Amphitheater erstmals 1973 die Welt betreten. Endes Roman „Momo” – Die spannende Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, mit dem markanten wilden Wuschelkopf – das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ wurde im Theater förmlich gefeiert.

Buch - Empfehlungen

Die Kleine MOMO

Das Mädchen mit den großen dunklen Augen lebt völlig verarmt im steinernen Rund, sorgt sich um seine Freunde und stemmt sich gegen die ominösen grauen Herren, deren einziges Begehr es ist, die Leute zum Zeit-Sparen zu bringen.

Das Buch "Momo" verkaufte sich mehr als 12,5 Millionen

„Momo“ setzte in den vergangenen 50 Jahren zu einer weltweiten Erfolgsgeschichte an. Das Buch begeistert junge und ältere Menschen, ist in 53 Sprachen übersetzt und wurde mehr als 12,5 Millionen Mal verkauft. 1986 brachte Johannes Schaaf seine Adaption mit Radost Bokel als Momo in die Kinos.

Zuhören wie – MOMO